Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, erwartet aufgrund anhaltender politischer und haushaltspolitischer Belastungen in Frankreich einen weiter steigenden Franken gegenüber dem Euro. Laut dem am 12. Oktober 2026 geführten Interview unterscheidet sich der jüngste Ausverkauf an den europäischen Anleihemärkten grundlegend von der Staatsschuldenkrise, die 2011 begann. Während sich höhere Risikoprämien derzeit hauptsächlich auf französische Anleihen konzentrieren, spiegeln steigende Renditen in anderen Teilen der Eurozone einen globalen Trend zu höheren Zinsen wider, der von den USA ausgeht. Im Jahr 2011 wurde die Zahlungsfähigkeit südeuropäischer Staaten der Eurozone infrage gestellt, was zu einem massiven Wertverlust des Euro gegenüber dem Franken führte. Diese Dynamik ist derzeit nicht vorhanden.
Laut Stucki befindet sich Frankreich in einer schwierigen Finanzlage, gekennzeichnet durch ein Haushaltsdefizit von rund 5% des Bruttoinlandprodukts, das durch ein schwaches nominales BIP-Wachstum von 1,9% nicht ausgeglichen wird. Diese Entwicklung deutet auf eine steigende Schuldenquote hin und wird durch den fehlenden politischen Willen zu schmerzhaften Sparmassnahmen verschärft. Vor den für das folgende Jahr vorgesehenen Präsidentschaftswahlen konkurrieren populistische Parteien im gesamten politischen Spektrum mit Versprechen höherer Ausgaben. Zudem beeinträchtigen jüngste Bilder von Jugendprotesten und staatlicher Handlungsunfähigkeit die Wahrnehmung des Landes als stabiler und verlässlicher Schuldner.
Zur Europäischen Zentralbank stellt Stucki fest, dass es keinen unmittelbaren Grund für zusätzliche Interventionen durch Staatsanleihekäufe gibt. Aufgrund der Erfahrungen aus früheren Schuldenkrisen in der Eurozone seit 2011 weiss die Zentralbank, dass verbale Interventionen nur begrenzt wirken. Sie verfügt jedoch weiterhin über die notwendigen Verfahren und Mechanismen, um den Markt zu beruhigen, falls die Eurozone tatsächlich in Gefahr gerät. Stucki erwartet nicht, dass die EZB wegen der Anspannungen am Anleihemarkt bei Zinserhöhungen zögert: Die derzeitige Belastung bedroht die Stabilität des Euro nicht, und die Zentralbank will weiterhin den Vorwurf vermeiden, Inflationsrisiken zu unterschätzen. Eine weitere Zinserhöhung im Dezember hält er daher für wahrscheinlich.
Nach Einschätzung von Stucki erschwert die erneute Krise die Position des Euro als Alternative zum US-Dollar für grosse Anleger, die ihr US-Engagement verringern wollen. Sie erinnert die Märkte an ungelöste strukturelle Probleme in der Eurozone, darunter hohe Staatsschulden, schwache Haushaltsdisziplin und unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen der Mitgliedstaaten. Nachdem der Franken zuletzt gegenüber dem Euro aufgewertet hatte und der Eurokurs dabei von 95 Rappen auf 93 Rappen gefallen war, bevor die Bewegung pausierte, ist die erste Marktreaktion abgeklungen. Eine Rückkehr zur Eurostärke des Sommers hält er jedoch für unwahrscheinlich, da die Lage in Frankreich ein wichtiger Einflussfaktor bleiben wird.
Stucki erwartet, dass der Euro zum Jahresende gegenüber dem Franken tiefer notiert, aber über der Marke von 90 Rappen bleibt. Seine bisherigen Prognosen lässt er unverändert, da er den Anstieg in Richtung 95 Rappen als nicht nachhaltig betrachtet hatte. Für die Schweizerische Nationalbank hilft ein steigender Franken, die Importpreise zu senken und die Teuerung zu dämpfen. Die Zentralbank dürfte den dämpfenden Effekt auf die Importpreise zwar positiv sehen. Das Tempo der jüngsten Aufwertung verdeutlicht jedoch die Herausforderungen, die mit Zuflüssen in einen sicheren Hafen verbunden sind. Für die SNB bleibt ein stark aufwertender Franken aus seiner Sicht ein grösseres Risiko als eine Währungsschwäche.
Aus fundamentaler Sicht sieht Stucki im Inland keinen Anlass, der die SNB zu einer Änderung ihres Leitzinses drängt. Die Teuerung liegt trotz ihres Anstiegs auf 1% weiterhin komfortabel im Zielbereich. Die heimische Wirtschaft benötigt bei einem stabilen Franken weder bremsende noch stützende Massnahmen. Dennoch hat die SNB ein Interesse daran, die Nullzinsen irgendwann hinter sich zu lassen, um einen Puffer für künftige Zinssenkungen aufzubauen. Den nächsten Leitzinsschritt erwartet er daher nach oben, und zwar im nächsten Jahr, abhängig von der Zinsentwicklung im Ausland.
Mit Blick auf die USA profitiert der US-Dollar laut Stucki derzeit von erhöhten Energiepreisen und den damit verbundenen Zinserwartungen. Diese Bedingungen könnten anhalten, bis sich im Konflikt mit dem Iran eine stabilere Lage abzeichnet. Sobald diese Phase endet, dürften strukturelle Fragen wie die Berechenbarkeit der US-Politik wieder stärker in den Vordergrund rücken. Dies dürfte den Dollar schwächen und den Dollar-Franken-Kurs im folgenden Jahr unter 80 Rappen drücken. Trotz steigender Renditen von US-Staatsanleihen entwickeln sich die globalen Aktienmärkte weiterhin robust, da sich Anleger an politischen Gegenwind und höhere Zinsen anpassen. Die Weltwirtschaft kommt mit den aktuellen Rahmenbedingungen besser zurecht als erwartet, unterstützt durch anhaltend positive Meldungen zu Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz.
Bei der Frage, ab welchem Niveau steigende Renditen für Aktien kritisch werden, galt die Marke von 5% bei zehnjährigen US-Staatsanleihen zuvor als symbolische Schwelle. Die Renditen sind inzwischen jedoch auf 5,25% gestiegen, ohne breite Verkäufe oder eine massenhafte Umschichtung von Aktien in Anleihen auszulösen. Gefährlicher für die Aktienmärkte wäre laut Stucki ein rascher und unkontrollierter Renditesprung, der grundlegende Sorgen um die wirtschaftliche Stabilität der USA signalisiert. Dafür wäre ein Schockereignis erforderlich, vergleichbar mit den von Donald Trump im April 2025 eingeführten Zöllen.

