Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält eine weitere Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank kurz vor Weihnachten für sehr wahrscheinlich nötig.
Nagel erklärte am Dienstagabend in Berlin, der EZB-Rat habe bei seiner Sitzung in der Vorwoche auf einen weiteren Zinsschritt verzichtet, da es kaum Anzeichen für Zweitrundeneffekte wie starke Lohnforderungen gegeben habe. Die Inflationsaussichten hätten sich zuletzt aber verschlechtert. Aus heutiger Sicht führe wohl kaum ein Weg an einer Zinserhöhung vorbei, falls sich die Aussichten nicht deutlich verbesserten, erklärte er laut Redetext.
Die Inflationsrate im Euroraum stieg im September auf 3,8%, vor allem wegen konfliktbedingt höherer Energiepreise im Nahen Osten. Die Geldpolitik müsse verhindern, dass daraus ein breiterer Preisschub entstehe, der andere Waren und Dienstleistungen verteuere und in die Lohnforderungen eingehe, warnte Nagel. Das würde wiederum die Preise erhöhen.
Die EZB hält eine mittelfristige Inflation von zwei Prozent für ideal für den Euroraum. Die Kernaufgabe sei die Sicherung der Preisstabilität, von der man laut Nagel noch ein gutes Stück entfernt sei.
Die EZB-Führung entscheidet am 17. Dezember erneut über Geldpolitik und Zinsen. Dabei stützt sie sich auch auf neue Prognosen, die erstmals bis 2029 reichen.
Nagel warb zudem für mehr europäische Einigkeit in einer sich wandelnden Welt. In einem raueren geopolitischen Umfeld und bei stärkerem internationalem Wettbewerb müsse Europa geschlossen auftreten, um sich zu behaupten und seine Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Besonders dringend sei die Integration im Binnenmarkt sowie in der Verteidigungs- und Aussenpolitik. Deutschland und Frankreich seien dafür ein unverzichtbarer Motor.

