Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) hat ein neues Grundlagenpapier zur Entwicklung eines Franken-Stablecoins vorgestellt. Es formuliert konkrete politische Forderungen und beschreibt Chancen sowie Risiken für den Schweizer Finanzplatz. Chefökonom Martin Hess und Senior Legal Counsel Natalie Graf präsentierten die Publikation an einem Medienanlass in Zürich. Sie zogen eine Parallele zwischen historischen Reisechecks und heutigen digitalen, programmierbaren Zahlungsprinzipien auf Blockchain-Basis.
Stablecoins sind digitale Zahlungsmittel, deren Wert an eine Referenzwährung gebunden und durch Reserven gedeckt ist. Die SBVg sieht Potenzial vor allem im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Transaktionen könnten ohne mehrere zwischengeschaltete Korrespondenzbanken abgewickelt werden, sodass internationale Unternehmen ihre Liquidität effizienter steuern könnten. Weitere Anwendungsfelder sind tokenisierte Vermögenswerte und automatisierte Geschäftsprozesse, etwa Zahlungen entlang einer Lieferkette, die selbstständig durch Smart Contracts ausgelöst werden.
Für Banken könnten daraus neue Ertragsquellen entstehen. Im aktuellen Schweizer Niedrigzinsumfeld dürfte die reine Ausgabe eines Stablecoins kaum erhebliche direkte Gewinne bringen. Attraktiver erscheinen Gebühren für Transaktionen, Verwahrung, Devisenhandel und Umtausch. Hess betonte, international sei der Punkt ohne Rückkehr erreicht. Die USA und die Europäische Union verfügten bereits über spezifische Regulierungsrahmen, während die Schweiz noch an ihren gesetzlichen Regeln arbeite. Die Marktdynamik zeige sich etwa bei Allunity, einem in Deutschland regulierten Unternehmen, das im Februar 2026 den an den Franken gebundenen Stablecoin CHFAU lancierte.
Der Bankenverband fordert wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für die Ausgabe im Inland. So könnten Schweizer Behörden Anbieter direkt beaufsichtigen, Rechtsansprüche leichter durchsetzen und technologisches Wissen sowie Wertschöpfung im Land halten. Die Technologie birgt jedoch auch Risiken. Wenn Kunden erhebliche Guthaben von klassischen Bankkonten in Stablecoins verlagern, könnte dies die Refinanzierung von Krediten und Hypotheken einschränken, da Schweizer Banken stark auf Kundeneinlagen angewiesen sind.
Zur Einordnung möglicher systemischer Auswirkungen nennt die SBVg in ihrem Papier unterschiedliche Volumenschwellen. Bis zu einem Ausgabevolumen von CHF 500 Mio. gelten die bestehenden Aufsichtsstrukturen als ausreichend. Volumen über CHF 5 Mrd. könnten einen Stablecoin zu einem bedeutenden Bestandteil der Finanzinfrastruktur machen. Rund CHF 20 Mrd. würden eine umfassende institutionelle Einbettung erfordern. Dabei handelt es sich um Verbandsschätzungen und nicht um rechtlich verbindliche Schwellenwerte. Weitere Herausforderungen ergeben sich aus dem Status des Frankens als sicherer Hafen. Dieser könnte in Krisen Nachfrageschübe auslösen. Zugleich besteht das Risiko eines Stablecoin-Runs, wenn viele Inhaber gleichzeitig die Rückzahlung verlangen und dadurch die Reserven des Emittenten unter Druck setzen.
Der Bundesrat plant, mit einer Revision des Finanzinstitutsgesetzes einen spezifischen Rechtsrahmen zu schaffen. Die SBVg begrüsst dies grundsätzlich, fordert aber gezielte Änderungen. Graf kritisierte eine Bestimmung des Vorentwurfs, nach der Banken für die Ausgabe von Stablecoins eine separate Tochtergesellschaft mit Bewilligung als Zahlungsmittelinstitut gründen müssten. Die Regulierung müsse praxistauglich bleiben. Banken sollten Stablecoins direkt unter ihrer bestehenden Bankbewilligung ausgeben dürfen. Zudem verlangt der Verband mehr Flexibilität bei der Zusammensetzung der Reserven. Der heimische Kapitalmarkt biete nur begrenzt kurzfristige, hochliquide Anlagen, was andernfalls tragfähige Geschäftsmodelle behindern könnte.
Bei der Geldwäschereibekämpfung befürwortet der Verband international abgestimmte Regeln. Er stellt die bestehende Schweizer Aufsichtspraxis, die grundsätzlich die Identifikation sämtlicher Stablecoin-Inhaber durch Emittenten oder beaufsichtigte Finanzintermediäre verlangt, der risikobasierten Lösung des Entwurfs gegenüber.
Praktische Anwendungen werden bereits in einer im September gestarteten Testphase in einer geschützten digitalen Umgebung, der Stablecoin-Sandbox, geprüft. Beteiligt sind UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, Zürcher Kantonalbank, Banque Cantonale Vaudoise, SIX, Twint und Swiss Stablecoin. Die Ergebnisse sollen im Dezember veröffentlicht werden.

