Der deutsche Bundesbankpräsident Joachim Nagel erklärte an einer Pressekonferenz in Bangkok am Rande der Jahrestagungen von IWF und Weltbank, die Europäische Zentralbank (EZB) müsse dem Inflationsanstieg im Euroraum flexibel und mit ruhiger Hand begegnen. Der EZB-Rat werde alle notwendigen Schritte unternehmen, um die Inflation mittelfristig auf das Ziel von 2,0% zurückzuführen.
Nagel verwies darauf, dass die EZB ihren Leitzins dieses Jahr bereits zweimal erhöht habe. Bei unveränderter Lage sei ein weiterer Anstieg nicht auszuschliessen. Er hob das «sehr volatile Marktumfeld» hervor und betonte, Entscheidungen sollten von Sitzung zu Sitzung getroffen werden. Dabei gelte es, der Inflation mit Erfahrung und «grosser Flexibilität» zu begegnen.
Die EZB hatte ihren Leitzins im September auf 2,50% angehoben, um den durch einen Ölpreisschock ausgelösten Preisdruck zu bremsen. Die Inflation im Euroraum erreichte im vergangenen Monat mit 3,8% den höchsten Stand seit drei Jahren. Haupttreiber waren die Energiekosten, die gegenüber dem Vorjahr um 18,8% stiegen.
Laut EZB-Prognosen bleibt die Gesamtinflation mindestens bis ins erste Halbjahr 2027 deutlich über dem Ziel von 2,0%. Marktteilnehmer erwarten unveränderte Zinsen an der bevorstehenden Sitzung Ende des Monats und eine weitere Erhöhung im Dezember. Dies wäre die dritte Zinserhöhung der EZB in diesem Jahr unter Präsidentin Christine Lagarde, deren Mandat bis Oktober 2027 läuft.
Unabhängig davon berichtete Reuters, das World Economic Forum könnte Lagarde im kommenden Monat zur neuen Vorsitzenden ernennen. Dies würde einen vorzeitigen Abschied von der EZB und einen breiteren Führungsumbau erfordern. Finanzminister Lars Klingbeil lehnte in Bangkok einen Kommentar zu Personalspekulationen ab, bekräftigte aber Deutschlands Absicht, eine starke Kandidatur für das EZB-Direktorium vorzulegen. Er verwies auf die bevorstehende Frist am 28. Oktober, bis zu der die Finanzminister der Eurozone Nachfolgekandidaten für die deutsche Direktorin Isabel Schnabel vorschlagen können. Diese wechselt Anfang 2027 zum IWF.
Klingbeil verwies auch darauf, dass der Posten des EZB-Chefvolkswirts mit dem Ende von Philip Lanes Amtszeit am 31. Mai 2027 frei wird, und brachte eine mögliche Paketlösung für die Spitzenposten ins Spiel. Die Bundesregierung diskutiere derzeit, welche Positionen sie anstrebe, und werde in den kommenden Tagen entscheiden. «Deutschland ist ein wichtiger Akteur in der EZB und wird eine starke Kandidatur vorlegen, um ihre Zukunft mitzugestalten», ergänzte er.

